Pflegekasse, Krankenkasse, Versorgungsamt – wer macht eigentlich was?

Wenn Pflege plötzlich Thema wird, prasseln Begriffe und Briefe auf dich ein: Anträge, Gutachten, Bescheide – und überall andere Absender. Viele Angehörige fragen mich: „Wohin muss ich mich jetzt wenden – Pflegekasse, Krankenkasse oder Versorgungsamt?“
In diesem Leitfaden bringe ich Ordnung in den Dschungel: verständlich, praxisnah und ohne Fachchinesisch.

Das große Bild – drei Stellen, drei Aufgaben

Krankenkasse = Medizin & Behandlung.
Alles rund um Ärzt:innen, Medikamente, Therapien, Hilfsmittel auf Rezept (z. B. Rollstuhl, Pflegebett), Krankenhaus, Reha.

Pflegekasse = Pflege & Alltag.
Pflegegrad beantragen, Pflegegeld, Pflegesachleistungen, Entlastungsbetrag (ab 2025: 131 €/Monat), Zuschüsse für Wohnraumanpassung (z. B. Badumbau), Verbrauchs­hilfsmittel.

Versorgungsamt = Schwerbehindertenausweis & Nachteilsausgleiche.
Grad der Behinderung (GdB), Merkzeichen (z. B. G, B, H), damit verbundene Vorteile: Steuerfreibeträge, ÖPNV-Vergünstigungen, Parkerleichterungen, besonderer Kündigungsschutz u. a.

Merksatz: Medizin → Krankenkasse. Pflege → Pflegekasse. Nachteilsausgleiche → Versorgungsamt.

Krankenkasse: Wenn es medizinisch ist

Typische Leistungen

Arztbesuche, Medikamente, Heil- und Hilfsmittel auf Rezept

Physio-, Ergo-, Logo-Therapie

Krankenhaus & Reha

Häusliche Krankenpflege (z. B. Verbände, Injektionen) auf ärztliche Verordnung

Beispiele aus der Praxis

Der Hausarzt verordnet einen Rollator → Sanitätshaus rechnet über die Krankenkasse ab.

Nach einer OP gibt es häusliche Krankenpflege für Wundversorgung → Krankenkasse.

Reha nach Sturz/Fraktur → Antrag über Ärzt:in/Klinik an die Krankenkasse.

Unterlagen & Tipps

Rezept/Verordnung, Arztberichte, ggf. Kostenvoranschlag

Tipp: Bei Hilfsmitteln immer Versorgungsdauer und Begründung prüfen. Ein knappes „zur Mobilisation“ reicht oft nicht – besser: „zur sicheren Fortbewegung in der Wohnung, Sturzprophylaxe“.

Stolperfallen

Hilfsmittel vs. Pflegehilfsmittel: Ein Pflegebett kann je nach Begründung über die Pflegekasse (Pflegehilfsmittel) laufen – nicht automatisch Krankenkasse. Frag nach, wenn unklar.

Pflegekasse: Alltag bewältigen & Pflege organisieren

Hier stellst du den Antrag auf Pflegegrad. Danach stehen – je nach Grad – verschiedene Leistungen zur Verfügung:

Wichtige Leistungen 

Pflegegeld (wenn Angehörige selbst pflegen)

Pflegesachleistungen (ambulanter Pflegedienst)

Kombinationsleistung (Mix aus beidem)

Entlastungsbetrag: 131 € pro Monat (z. B. für Alltagshilfen, anerkannte Angebote)

Verbrauchs­hilfsmittel: monatlicher Zuschuss (z. B. Handschuhe, Desinfektion)

Wohnraumanpassung: Zuschuss für Maßnahmen wie barrierefreies Bad, Türverbreiterung, Treppenlift (je nach Situation)

Verhinderungs- & Kurzzeitpflege: Entlastung, wenn Angehörige pausieren müssen

Praxisbezug

Die Mutter benötigt Hilfe beim Waschen & Anziehen → Pflegegrad beantragen, Pflegesachleistungen oder Pflegegeld nutzen.

Die Dusche ist zu hoch → Zuschuss für einen bodengleichen Duschumbau bei der Pflegekasse anfragen.

Unterlagen & Tipps

Pflegetagebuch (Alltag ehrlich dokumentieren)

Arztberichte, Medikamentenplan

Liste typischer Hilfe-Situationen (Morgen-/Abendroutine, Essen/Trinken, Mobilität, Orientierung)

Tipp: Zum Gutachtertermin nicht „extra fit“ machen. Alltag zeigen, Hilfsmittel wie Gehstock nutzen, keine „Ausnahmen“ vorspielen.

Beim Termin war alles okay“ – viele Betroffene wirken im Begutachtungstermin kurzfristig besser. Darum: Tagebuch & Beispiele bereithalten.

Umbau ohne vorherige Klärung begonnen → Risiko, dass der Zuschuss nicht (voll) gezahlt wird. Vorher anfragen!

Versorgungsamt: GdB, Merkzeichen & Vorteile

Worum geht’s?
Nicht um Pflege, sondern um Nachteilsausgleiche im Alltag, Beruf und Verkehr.

Kernpunkte

GdB (Grad der Behinderung): Einstufung in Zehnerschritten (20–100)

Merkzeichen wie G (erheblich gehbehindert), B (Begleitperson), H (hilflos) u. a.

Vorteile je nach GdB/Merkzeichen: Steuerfreibeträge, ÖPNV-Ermäßigungen bis Freifahrt, Parkerleichterungen, Zusatzurlaub, Kündigungsschutz

Unterlagen & Tipps

Ärztliche Befunde, Klinik-/Reha-Berichte, Medikamentenplan

Eigene Alltagsbeschreibung: Was geht (nicht) ohne Hilfe?

Tipp: Auch kognitive Einschränkungen (z. B. Demenz) verständlich darstellen – nicht nur Diagnosen, sondern Folgen im Alltag.

Stolperfallen

Nur Diagnosen auflisten → besser Einschränkungen schildern (Wegfinden, An-/Auskleiden, Gefahreneinschätzung, Sturzrisiko etc.).

Fallbeispiel: „Was geht wohin?“

Herr K., 82, nach Sturz unsicher auf den Beinen, braucht Hilfe beim Duschen, Toilette fällt schwer, Bad ist eng, Tochter unterstützt täglich.

Rollator auf RezeptKrankenkasse

Pflegegrad beantragen (Hilfe beim Duschen/Toilette, An-/Auskleiden) → Pflegekasse

Entlastungsbetrag (131 €) für stundenweise Alltagshilfe → Pflegekasse

Zuschuss Badumbau (bodengleiche Dusche, Haltegriffe) → Pflegekasse

Schwerbehindertenausweis (wegen Mobilität & Sturzgefahr, ggf. Merkzeichen G) → Versorgungsamt

So nutzt die Familie alle drei Systeme, ohne sich zu verzetteln.

Mini-Checklisten zum Ausdrucken

Für die Krankenkasse (medizinisch)

☐ Ärztliche Verordnung/Rezept

☐ Aktuelle Arzt-/Klinikberichte

☐ Begründung: Warum brauche ich genau dieses Hilfsmittel?

Für die Pflegekasse (Pflegegrad & Alltag)

☐ Antrag Pflegegrad (kurz formlos möglich: „Hiermit beantrage ich…“)

☐ Pflegetagebuch (1–2 Wochen)

☐ Liste konkreter Situationen: Was klappt nicht ohne Hilfe?

☐ Fotos vom häuslichen Umfeld (z. B. enge Dusche)

Für das Versorgungsamt (Schwerbehindertenausweis)

☐ Ärztliche Befunde, Reha-Berichte

☐ Alltag verständlich beschreiben (Mobilität, Orientierung, Selbstversorgung)

☐ Medikamente & Hilfsmittel auflisten

Häufige Fragen (FAQ)

Brauche ich zuerst den Pflegegrad, um den Schwerbehindertenausweis zu bekommen?
Nein. Beides sind getrennte Verfahren. Du kannst sie parallel beantragen.

Zahlt die Pflegekasse Hilfsmittel wie Rollator oder Kompressionsstrümpfe?
Meistens Krankenkasse (Rezept). Pflegekasse ist zuständig für Pflegehilfsmittel und Verbrauchs­hilfsmittel (z. B. Handschuhe, Desinfektion).

Wer hilft mir beim Ausfüllen?
Pflegestützpunkte, Pflegeberater:innen (z. B. LuiCare), Sozialdienste im Krankenhaus, anerkannte Angebote zur Unterstützung im Alltag.

So findest du schnell die richtige Stelle (Entscheidungshelfer)

Geht es um Ärzt:innen, Rezepte, Therapien?Krankenkasse

Geht es um Pflege im Alltag, Entlastung, Umbau?Pflegekasse

Geht es um Ausweis, GdB, Vergünstigungen?Versorgungsamt

Wenn du trotzdem unsicher bist: Schriftlich nachfragen („Ist hierfür Ihre Stelle zuständig? Falls nein, wohin genau?“). Das spart Zeit und schafft Klarheit.

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